dürfen die das? – Staffel 3: "Para, Sozial" | Folge 1/4: Sind wir Freunde?
Shownotes
Willkommen zu Para, Sozial, der brandneuen Staffel von "dürfen die das?"
Die nächsten vier Folgen scrollt sich Podcasterin und Autorin Yasmin Polat durch die Timelines und klärt, inwiefern eine parasoziale Beziehung zum Lieblingsinfluencer unser Kaufverhalten und schlussendlich unser Portemonnaie, unser para (türk. für "Geld") beeinflussen kann. Denn: Gekauft wurde schon immer; heute ist aber die Frage nicht nur was, sondern von wem?
In dieser ersten Folge stellt sie ihrem Feed die klassische Beziehungsfrage: Was sind wir?
Sie erfährt von Markus Kamrad, Vorstand der Verbraucherzentrale Berlin unter anderem welche Influencing-Bereiche die Verbraucherzentrale aktuell besonders im Blick hat, lässt sich von Kommunikationswissenschaftlerin Dr. Zoe Olbermann den Begriff parasoziale Beziehung einordnen und fragt ihre Interviewgäste – den Wirtschaftspsychologen Prof. Dr. Ingo Hamm (Hochschule Darmstadt) & Marketingprofessorin Prof. Dr. Kristina Klein (Uni Bremen) – warum wir Menschen überhaupt kaufen, inwiefern sich Authentizität auf Social Media eigentlich glaubwürdig inszenieren lässt und ob wir jetzt alle Freunde sind.
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Das Interview zu parasozialen Beziehungen mit Dr. Olbermann findest du hier.
Skript, Moderation, Produktion: Yasmin Polat
Musik und Soundeffekte: Descript
"dürfen die das?" ist ein Podcast der Verbraucherzentrale Berlin, gefördert durch das Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz, aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages.
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00:00:00: Cold Open: Ach, guck mal, die Susis Welt. Die hat jetzt 'n kleinen Hund. Oh schön, die hatten ja so lange überlegt, ne? Na ja, so 'n Haustier macht natürlich Dreck, klar. Der Zoom auf die Fusseln. Das Sofa war teuer bestimmt. Oh, der Handstaubsauger, der ist ja gut. Grade mit Rabatt. na ja, mein Sofa sieht ja auch aus, ne? Oh, alle Fusseln weg. Normalerweise 100 Euro, jetzt 42. Nee, komm, das support ich natürlich, da haben wir ja alle was von. In den Warenkorb legen.
00:00:42: Yasmin Mod: Was wir wollen, bestimmen seit jeher die anderen. Kaufhausauslagen, überdimensionale Plakate, eingängige Werbejingles.
Der Mann auf dem Wochenmarkt, der in sein Headset brüllt "Dieser Gemüseraspler gehört in alle Küchen.": Geinfluenced wurde schon offline. Heute kommen wir aber kaum noch drum rum. Wir alle sind längst under the influence und die Frage ist nicht mehr wirklich, was wir wollen, sondern: von wem? Mein Name ist Yasmin Polat Ich bin Podcasterin und Autorin und für die Verbraucherzentrale Berlin mache ich mich auf die Suche durch einen Ort, der mir so vertraut scheint, obwohl er voller Fremder ist: Social Media. Die nächsten Folgen scrolle ich mich durch die Timelines und wühle gemeinsam mit tollen Gesprächspartner:innen in unserem kollektiven unbewussten Warenkorb. Denn Social Media holt das Beste aus uns Menschen. Aber wo glimmendes Handylicht ist, ist auch Schatten. Und hier und da kann es ganz schön finster werden. Zum Beispiel, wenn's an unsere Gesundheit geht oder unsere Finanzen, um unsere eigene Haut. Aber dazu kommen wir noch.
Fakt ist Unsere Aufmerksamkeitsspannen sind geschrumpft. Es gibt Wettrennen, wer sich zumindest kurz noch in unser Gehirn zecken kann. Alles wird: teurer. Keiner will oder kann noch unnötig Geld ausgeben. Da ist eine vertrauensvolle Beziehung zum Lieblingsinfluencer Gold wert. Influencer sind natürlich keine homogene Masse, die ich verurteilen will. Ganz im Gegenteil: Ich verdanke ganz vielen Influencern und besonders Content Creatorn so viel Wissen, Tipps, Inspiration. Influencer sind aber auch keine digitalen Halbgötter, die nichts falsch machen und Rabattcodes wie Segen an das Volk verteilen. Sie sind Menschen wie du und ich. Gut, mittelgut, charakterlich ausbaufähig, manchmal mit niederen Beweggründen und höheren Rechnungen. Deswegen soll's hier nicht nur um die Influencer gehen, sondern vor allem um uns, die Follower, die Verbraucher:innen. Es geht darum, wie wir kaufen, warum wir konsumieren und wie wir uns online und offline in Beziehung setzen Mein geschätzter Vorgänger Patrick Lohmeier hat durch die bisherigen Staffeln geführt und vieles aufgeklärt. Ich darf jetzt all die Fragen mit Expert:innen besprechen, die mich offen gestanden schon länger beschäftigen.
So Fragen wie Warum kaufen wir: überhaupt? Was hält ein Influencer integer? Was kann uns Verbraucher:innen anfälliger machen für Impulskäufe, Süchte, wenn's schlecht läuft, sogar für einen Betrug? Wie scrollen wir selbstbestimmt durch die Timelines und worauf müssen wir uns in Zukunft einstellen? Bevor ich auf all diese Fragen Antworten einhole, muss ich vorab erst mal die klassische Beziehungsfrage stellen: Was sind wir? Spoiler: Es ist kompliziert. Manchmal driften wir in parasoziale Beziehungen ab und dann wird es schwierig mit den eigenen Grenzen. Höchste Zeit, dass wir uns das anschauen. All das und mehr in dieser neuen Staffel von „dürfen die das?" mit mir, Yasmin Polat. Willkommen bei Para, Sozial. Folge eins: „Sind wir Freunde?“
00:03:47: Online-Bestellungen sind in meiner Welt microdosing Weihnachten und an Weihnachten selbst ist dann alles noch mal zügelloser. Ja, ich liebe schöne Sachen. Schöne Sachen machen das Leben schöner. Das fand ich schon immer und seitdem es Influencer und Affiliate-Links gibt, seh ich ständig Möglichkeiten, mein Leben zu verschönern und das auch noch zu 'nem guten Preis, glaube ich. Fünf Prozent weniger beim Naturkosthändler, wenn ich den Namen des Influencers eingebe. "Ah, nur jetzt 20 Prozent runter beim Akkustaubsauger. Oh, es gibt einen batteriebetriebenen Smoothiemaker für unterwegs. Und wieso nicht mal einen Besen ohne Borsten kaufen? So einen, mit dem auch so Bademeister im Schwimmbad putzen.“ Das alles sind keine fiktiven Beispiele. Das sind echte Gegenstände, die ich durch Influencer-Marketing erworben habe. Bisher wirklich ungenutzt war nur der Smoothiemaker. Vielleicht kommt sein Tag noch, aber so an sich bereue ich nichts. Noch.
Denn zur Wahrheit gehört auch Hinter dem Klick auf das Kaufen-Symbol stehen bei mir oft Emotionen, Impulskäufe. Vieles davon hat auch mit Identität zu tun. Du bist,: was du konsumierst, heißt es. Und dann frag ich mich gerne mal: Ach, wer bin ich eigentlich, wenn ich dieses Top besitze mit dem eigentlich für mich ungewöhnlichen Muster? Und diese Suche nach Identität kann, je nach Algorithmus und persönlicher Ausgangslage, natürlich auch zu schwierigen Situationen für uns als Konsument:innen im Onlineshopping führen. Genau darum und mehr kümmert sich die Verbraucherzentrale schon länger. Seit wann Influencer dabei auf dem Tagesplan stehen und welche Bereiche aktuell besonders im Blick sind, das frage ich doch direkt mal den Vorstand der Verbraucherzentrale Berlin, Markus Kamrad.
00:05:32: Yasmin: Hallo Herr Kamrad. Also viel zu tun hat die Verbraucherzentrale ja schon immer. Wann sind eigentlich die Influencer dazugekommen? Also seit wann beschäftigen Sie sich mit Influencern? Ich versuche so ein bisschen so eine Genese herzustellen. Also das Thema Influencer und, äh, Verbraucherzentrale kann man ganz schön an der Entwicklung der Plattform nachzeichnen.
00:05:52: aufgetaucht mit YouTube, Stichwort Gaming und, ähm, Beauty. Absolut relevant wurde es dann aber mit dem Instagram-Hype, weil da einerseits, äh, die Zahl der Themen, äh, total gewachsen ist, die Zahl der Influencer total hochgegangen ist. Es, es für jedes Thema zum Teil auch Micro Influencer gibt und natürlich auch die Professionalisierung und die Kommerzialisierung, äh, noch mal deutlich Schub gekriegt hat, und es ja zum Teil Beiträge gibt, die, sehr ausgefeilte Werbemaßnahmen darstellen. Und es betrifft vor allen Dingen über die Durchdringung und die, Umsatzsteigerung immer mehr Verbraucherinnen und Verbraucher, das Thema und auch die Themen. Ich nenn jetzt mal Nahrungsergänzungsmittel oder Fitness, Finfluencer, Reisen. Das, äh, betrifft ja mittlerweile wirklich alle Themen.
00:06:48: Yasmin: gibt es einen Bereich, der besonders hervorsticht gerade oder der über die letzten Jahre wirklich wahnsinnigen Zuwachs bekommen hat? Können Sie mir da was sagen?
00:06:56: sauber absichern kann, aber aus unserer täglichen Arbeit würde ich sagen, gibt es zwei, deren Entwicklung hervorsticht. Das eine ist im Bereich Nahrungsergänzungsmittel, ganz grob im, im Kontext Ernährung, Gesundheit. Dass es da ganz viele Influencer gibt, die zum Teil auch mit sehr unseriösen Produkten oder für sehr unseriöse Produkte, Nahrungsergänzungsmittel und ganz zum Teil absurde Heilsversprechen werben. Und der zweite Bereich, der ganz stark im Kommen ist, äh, ist der Bereich der Influencer, also der Influencer in Sachen Finanzen. Das hat zum Teil natürlich noch weit gravierendere Auswirkungen auf Existenzen als das Erstgenannte, weil wenn man sich, sage ich mal, auf den falschen Krypto-Influencer setzt oder eine dubiose Immobilienfinanzierung eingeht, dann kann das natürlich wirtschaftlich existenzgefährdend werden.
00:07:53: Influencer-Empfehlung? Ganz ehrlich jetzt. Oder bin ich damit allein?
00:08:03: Kamrad: Klar hab ich mich schon mal influencen lassen. Äh, ich bin ja auch Verbraucher. Ich würde mir zugutehalten, dass ich die besonders unseriösen Influencer schon ganz gut erkenne und mich auch nicht, äh, beeinflussen lasse bei bestimmten Produktempfehlungen. Da vertraue ich dann schon auf die einschlägigen Medien und Institutionen in dem Bereich. Aber, äh, wenn es darum geht, welche Klamotten man besonders gut kombinieren kann, irgendwelche, Reinigungshacks im Alltag oder was Gravelbikes besonders toll macht, da bin ich durchaus ganz schön
00:08:41: seinem Handy hat. Ich hatte schon angesprochen: die parasoziale Beziehung. Damit sind wir übrigens auch beim Staffelnamen Para, Sozial. Das ist 'n Wortspiel aus dem türkischen Wort Para für Geld und „sozial“, also das, wofür Social Media eigentlich mal gedacht war. Auf der Suche nach einer Definition für dieses Phänomen bin ich auf ein Interview gestoßen von der Bundeszentrale für politische Bildung. Das kann ich gern mal vorlesen. Moment: *Keyboard Tippen, Scrollen*Ein Interview mit Dr. Zoe Olbermann, Kommunikationswissenschaftlerin. „Das Gefühl, eine Person aus den sozialen Medien zu kennen, kann dazu führen, dass wir ihre Posts nicht hinterfragen. Doch wie entstehen solche parasozialen Beziehungen und …“ Ach, wieso frage ich die Interviewte nicht einfach selbst?
00:09:41: Yasmin: Hallo Frau Dr. Olbermann, danke, dass ich Sie direkt kontaktieren darf. Sagen Sie mal, parasoziale Beziehung. Wie würden Sie diesen Begriff einer Person erklären, die den noch nie gehört hat?
00:09:52: sich aber wie eine zweiseitige, also wie eine wechselseitige Freundschaft anfühlt. Das bedeutet, ich habe das Gefühl, dass ich mit einer Medienperson befreundet bin und dass auch diese Medienperson wiederum mit mir befreundet ist, obwohl sie ja in der Realität überhaupt nichts von mir weiß und im Zweifel überhaupt nicht mal weiß, dass es mich gibt. Und deswegen sprechen wir bei parasozialen Beziehungen in der Forschung auch von einer Illusion der Freundschaft, ja, dass sich eben wirklich nur so anfühlt und natürlich keine echte reale, soziale Beziehung ist.
00:10:32: Yasmin: Ist das denn ein neues Phänomen? Also kam das jetzt mit Social Media auf oder gibt es das eigentlich schon länger in anderen Formaten?
00:10:40: Zoe Olbermann: Also parasoziale Beziehungen gibt es tatsächlich schon länger als soziale Medien. In den 1950er Jahren haben die Forscher Horton und Wohl im Kontext von Quizsendungen festgestellt, dass Zuschauer in parasoziale Beziehungen zu den Moderatorinnen entwickeln.
Und im Laufe der Jahre wurde dann: natürlich immer weiter geforscht und geschaut, wo parasoziale Beziehungen entstehen. Und die entstehen wirklich in allen Medienformaten, wo sogenannte Medienpersonas auftauchen. Also wir können parasoziale Beziehungen zu Schauspielerinnen und Schauspielern haben. Wir können sie zu Radiomoderatorinnen haben oder auch zu fiktiven Charakteren wie Harry Potter oder Kinderserien wie den Teletubbies. Und natürlich spielen, parasoziale Beziehungen auch bei den sozialen Medien eine total starke und auch immer größer werdende Rolle, was daran liegt, dass soziale Medien eben bestimmte Eigenschaften haben, die total förderlich sind für parasoziale Beziehungen. Das bedeutet, auf sozialen Medien kann man sehr, sehr schnell und auch sehr intensiv parasoziale Beziehungen entwickeln.
00:11:48: Also was genau sind die Faktoren, die uns eine parasoziale Beziehung entwickeln lassen?
00:12:05: Zoe Olbermann: Also es gibt ganz unterschiedliche Faktoren, die parasoziale Beziehungen begünstigen. Und man kann sich das so ein bisschen vorstellen, dass das eigentlich genau die Faktoren sind, die auch eine reale, also eine soziale und zweiseitige Beziehung oder Freundschaft begünstigen. Also so was wie, dass ich die Medienperson als sympathisch wahrnehme, als glaubwürdig, auch als attraktiv, dass ich viel Kontakt zu ihr habe, sie immer wieder sehen kann. Und wir merken schon, genau das sind dann natürlich eben diese Faktoren, die wir auf Social Media haben. Wir können jederzeit auf das Medium zugreifen. Wir kriegen in total kurzen Abständen total viele Medieninhalte von einer bestimmten Person. Mhm, und das führt eben dazu, dass sich dann durch diese vielen Medienkontakte, die wir eben mit der Persona haben, sehr, sehr schnell auch eine intensive parasoziale Beziehung bildet.
Und- Mhm. Ein besonderer Faktor, der auch parasoziale Beziehungen: begünstigt und eben auf Social Media total präsent ist, ist die wahrgenommene Nahbarkeit. Und die wahrgenommene Nahbarkeit wird natürlich von Influencer:innen total fokussiert. Also wir haben auf der einen Seite eben Formate wie Get Ready With Me oder irgendwelche Frageformate, wo wirklich wir das Gefühl haben, dass die Influencerinnen uns ganz nah an sie heranlassen, dass wir ganz besondere Einblicke bekommen.
00:13:23: Yasmin Einschub: Ganz kurz: Wir wissen alle, was gemeint ist, oder? Also zum einen dieses Gefühl, dass man in so einer Art FaceTime Call ist mit der anderen Person, obwohl man die gar nicht kennt. Zum anderen eben, was sie sagt, diese besonderen Einblicke. Das stimmt schon. Also ich würde auch gerne offline mal wissen, wie meine Nachbarin sich morgens fertig macht oder abends fürs Bett. Also man findet das einfach interessant, was andere Leute so machen, was die anders machen, was die genauso machen wie man selbst. Deswegen funktioniert das so gut. Get ready with me bevor ich zur Schule gehe. Get ready with me für den Urlaub. Get ready with me fürs Bett. Und so weiter und so fort.
00:13:58: aber auch dadurch gefördert, dass wir natürlich in Live-Sessions oder auch in Abstimmungen allein durch die Nachrichtenfunktion die Möglichkeit haben, dass wir mit dieser Person wirklich interagieren könnten, selbst wenn wir's gar nicht machen. Und selbst diese Aussicht oder die Möglichkeit, mit einer Person in Kontakt zu treten, erhöht total die wahrgenommene Nahbarkeit und führt eben dann dazu, dass, wie ich schon gesagt hab, auf Social Media parasoziale Beziehungen so schnell entstehen.
00:14:26: Yasmin: Und letzte Frage: Wie übersetzt sich das denn dann in unsere Kaufbereitschaft? Also kaufe ich eher etwas von jemandem, dem ich parasozial vertraue, oder wie läuft das ab? Und ah nein, allerletzte Bonusfrage: Haben Sie auch schon mal eine parasoziale Beziehung zu einem Influencer:in entwickelt? Vielen Dank, Frau Dr.Olbermann. Liebe Grüße.
00:14:47: als ein Produkt von einem Influencer, einer Influencerin, zu der wir keine parasoziale Beziehung haben. Und wir wissen auch, woran das liegt. Denn eine parasoziale Beziehung, so kann man sich das vorstellen, legt sich so 'n bisschen wie ein Deckmantel des Vertrauens über die Verarbeitung, die wir eben vornehmen mit dieser Botschaft, mit dieser Werbebotschaft. Denn jede Botschaft wird natürlich von uns auf unterschiedliche Art und Weise verarbeitet und bei einer parasozialen Beziehung haben wir eine sogenannte periphere Verarbeitung und die führt eben dazu, dass wir die Aussage nicht mehr so richtig prüfen.
Wir bilden keine Gegenargumente, wir nehmen nicht noch mal eine zweite Meinung auf oder, ähm, suchen uns noch eine zweite Quelle oder, ja, denken da gar nicht so richtig drüber nach. Und, ja, dieses blinde Vertrauen führt dann wirklich eher dazu, dass wir das Produkt kaufen. Und das ist natürlich gefährlich bei Influencern, die uns einfach, äh, Produkte verkaufen wollen, die wir eben gar nicht, äh, brauchen, aber natürlich auch bei Influencerinnen, die uns 'ne gewisse Meinung verkaufen wollen, vielleicht sogar eine politische: Gesinnung, denn gerade gesellschaftspolitische Influencerinnen sind ja auch immer stärker im Kommen. Und deswegen ist es eben auch hier, genau wie bei den Produktinfluencerinnen, superwichtig, sich dieser parasozialen Beziehung bewusst zu sein. Ja, also ich würde sagen, dass ich auf jeden Fall schon viele parasoziale Beziehungen in meinem Leben hatte, vielleicht auch aktuell welche habe, weil es auch einfach total normal ist. Also ich glaub wirklich, jeder und jede von uns hatte das schon mal oder hat das, weil parasoziale Beziehungen wirklich der Regelfall sind und auch überhaupt nicht schlimm. Es ist ja total wertvoll, ähm, irgendwie 'ne Inspiration zu haben, sich vielleicht auch mit anderen Leuten darüber zu connecten. Also parasoziale Beziehungen sollte man auf gar keinen Fall verteufeln.
Es ist eben nur wichtig, dass man weiß, dass es parasoziale Beziehungen gibt, dass es weiß, wie, dass man weiß, wie parasoziale Beziehungen funktionieren und dass man sich natürlich eben auch in 'nem Zeitalter von KI stark damit auseinandersetzt, weil gerade KI, Chatbots, ChatGPT, das sind ja eben auch alles: Funktionsweisen, die dann auch eine Art Medienpersona werden und zu denen wir auch parasoziale Beziehungen haben und zu denen gerade Kinder und Jugendliche parasoziale Beziehungen haben. Und dann gibt's natürlich eben schon Situationen, wo das gefährlich werden kann. Deswegen ist auch so 'n bisschen mein Credo, was ich immer habe: Parasoziale Beziehungen sind überhaupt nicht schlimm, aber es ist super wichtig, dass wir über sie aufklären, dass wir darüber reden und dass wir das viel, viel stärker reflektieren. Ja, reflektieren ist das Stichwort.
00:17:30: Yasmin Mod: Das ist auch einer der Hauptpunkte vom ersten Interviewgast Professor Dr. Ingo Hamm. Er ist Professor für Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Darmstadt mit Schwerpunkt Markt, Konsumenten und Medien. Er hat als Trendforscher gearbeitet, zig Bücher rausgebracht. Also man kann sagen, er beschäftigt sich seit Jahren damit, warum wir kaufen, vor allem wie Marken dann mit den Antworten darauf arbeiten können. Ihm hab ich mal all meine grundlegenden Fragen stellen können und ich meine wirklich alle.
Yasmin Interview Herr Professor Dr. Hamm, ich freue mich, dass Sie dabei sind. Hallo und herzlich: willkommen in dieser Folge "Dürfen die das?" Ja, hallo, guten Morgen. Sie beschäftigen sich in Ihrer Arbeit ja mit KI, mit Konsum, mit Kommunikation, aber auch so 'n bisschen, ne, wie man die menschlichen Instinkte für das Marketing nutzt, oder? Prof. Hamm: Ja, absolut. Das ist auch zum Beispiel ein Lehrgebiet von mir und ist immer ganz faszinierend, wie ich jungen Menschen mit einer gewissen Faszination für Marke und Konsum, äh, da erst mal in die Psychologie des Konsums, auch des, des Verkaufens, nicht nur des Kaufens reinbringe und dann das Erstaunen immer ganz groß ist, ja, was es da alles für Eigenheiten des Menschen gibt, äh, worauf wir überall reinfallen, wo wir aber auch, äh, ich glaube, Chancen haben, uns vernünftig zu reflektieren. Und das ist 'ne, 'ne schöne, äh, diverse Sicht auf Konsumverhalten. Also weder 'ne fundamentale Konsumkritik noch ein verkäuferisches Credo, sondern einfach 'ne, 'ne gute, gesunde Einstellung, indem man versteht, wie der Mensch funktioniert.
Yasmin Da kommen wir auf jeden Fall auch noch mal drauf zurück. Jetzt möchte ich: noch mal einen Schritt zurück: Kaufen an sich. Ich frage mich wirklich: Warum ist das überhaupt da? Ist das irgendwo einzuordnen in der Psychologie? Ist das ein Grundbedürfnis? Ist das emotional, sozial, ganz basal für alle, die es mal wissen wollen: Warum kaufen wir? Prof. Hamm: Also kaufen wie-- und das ist sogar noch vor der Psychologie. Kulturhistorisch ist kaufen schon mehrere tausend Jahre alt, weil wir angefangen haben zu kaufen, indem wir die dörfliche Gemeinschaft entdeckt haben als Menschheit, indem wir die Arbeitsteilung entdeckt haben. Und Arbeitsteilung bedingt ja, dass ich mich spezialisiere. Ja, ich gehe morgens in meine Schmiede, auf meinen Bauernhof, ne. Also jetzt in diesem gefühlten Steinzeitdorf sozusagen. Ich gehe aufs Feld, ich gehe auf die Jagd, ich bin Krieger, was auch immer. Drum kann ich andere Sachen nicht mehr machen, ne.
Meinen Lebensunterhalt, Nahrung, Brot backen, irgendwie Essen zubereiten. Also kaufe ich mir das. Das heißt, Kauf an sich ist, glaube ich, in unserer modernen und eigentlich schon viele: tausend Jahre alten Gesellschaft völlig legitim, ja. Ansonsten, wenn, wenn wir kaufen nicht wollten, würden wir zurückgehen in die Vorsteinzeit, ja. Also dann wären wir Jäger und Sammler, die in kleinen Gruppen durchs Land ziehen und gucken, dass sie ihren engeren Kreis von fünf bis zehn Personen ernähren können. Und ich glaube, das wollen wir alle nicht. Das, was danach kommt, das ist Psychologie, ne. Das heißt, durch das Zusammenleben sind dann wiederum Phänomene entstanden, die mit dieser Grundversorgung durch Arbeitsteilung dann nicht mehr so viel zu tun haben, wo's um Geltung geht, wo's um Positionierung in einer Gesellschaft geht und dann ja auch erst viel, viel später, vielleicht vor hundert, zweihundert oder auch dreihundert Jahren, damit dann auch Prozesse, psychologische Prozesse eingetreten sind, wo Kauf etwas mit Status, mit sozialer Stellung zu tun hat.
Und da kommen wir dann in Bereiche, die wir häufig auch kritisieren heutzutage, ne. Wenn wir Konsumkritik anpeilen, so nach dem Motto Warum kaufen wir denn den ganzen Kram, den wir eigentlich nicht wirklich brauchen: und dann wenige Monate später vielleicht schon wieder wegschmeißen? Das ist 'ne relativ neue Erfindung, bei der dann tatsächlich die Psychologie 'ne ganz große Rolle spielt. Und kann man das festmachen, also inwiefern welche Faktoren der Psyche da mit eine Rolle spielen, warum wir kaufen heute? Gibt es dafür Faktoren in mir, warum ich vielleicht eher auf 'n Affiliate-Link klicke oder nicht? Ja, vielleicht noch mal zum Kaufen v-vor dem ganzen M-Medienaspekt, ne. Also weil wir reden dann, wenn wir über Influencing und so was sprechen, eigentlich schon von Werbung und Marketing. Ich geh noch mal 'n Schritt zurück in die, in die Psychologie des Kaufens. Und das Kaufen von Dingen, die wir nicht wirklich brauchen, ne. Also ich rede jetzt nicht davon, ich kaufe mir mein tägliches Brot im wahrsten Sinne oder 'n Joghurt oder 'ne Zahnbürste, wo ich denke: Ja, da achte ich vielleicht auf Marken, aber das ist 'n natürlicher Prozess, der, der geht einfach so und das verbuche ich noch unter Arbeitsteilung und ich kann nicht anders.
Und darunter leide ich auch aber auch nicht besonders. So, dann haben wir aber ein paar andere Grundmotive und: die zwei wichtigsten, eins hatte ich schon angerissen, das ist Status, soziale Position. In unserem sozialen Leben gibt es gefühlt aus einer psychologischen Perspektive, aus einer individuellen Perspektive immer ein über mir und unter mir, ne. Es gibt Menschen, die sind besser gestellt, äh, und es sind Menschen, die sind schlechter gestellt, wie auf einer Statusleiter. Und, und diese Leiter ist mir im Alltag eigentlich immer bewusst. Ich sehe immer, da gibt es 'n oben und 'n unten. Und kaufen von besonders nach außen wirksamen Produkten, Marken hilft mir, meine Position auf dieser Leiter zu spüren und nach außen hin aber auch zu kommunizieren.
Und da sind wir schon in diesem ersten rein psychologischen Kaufen von Dingen, die wir zum Überleben nicht wirklich brauchen. Ja, denken wir mal an Kleidung, an Accessoires. Da haben wir 'n ganzes Universum von Angeboten und auch von extrem hochpreisigen Waren und von Influencing dann auch. Das ist etwas, was dann dieses rein: soziale Motiv befriedigt. Und dann gibt's noch 'n zweites großes Motiv. Das ist gar nicht so sehr sozial, so diese Außenperspektive, sondern ich für mich. Ich möchte mich selbst erweitern. Ich möchte mehr aus mir und meinem Leben machen. Das heißt, ich kaufe mir bewusst auch Dinge, die mir suggerieren, ja, die mir verkaufen, dass ich mit diesem Produkt besser werde, ja. Das kann ich von Nahrungsergänzungsmitteln bis aber auch zu technischen Hilfsmitteln, bestimmte Apps, ja. Also das kann auch abstrakt sein und nicht immer im Supermarktregal. Das ist ein Angebot, ein, ein Produkt, eine Dienstleistung, die ich mir kaufen kann, die mich besser fühlen lässt, die mir ein Gefühl gibt, besser zu werden, besser zu sein. Nicht im sozialen Vergleich, sondern rein von meiner Leistungsfähigkeit. Und das ist so das zweite ganz, ganz große Kaufmotiv. Yasmin: Jetzt doch mal 'ne große Frage: Haben denn die Influencer Ihrer Meinung nach eine Lücke erschaffen oder war die ohnehin schon da?
Prof. Hamm Ich glaube, die, die Lücke Gab es schon immer. Also wenn man so will, gab es Influencing schon: immer, halt nicht mit sozialen Medien, sondern mit Medien, mit Kommunikation. Äh, wenn wir uns aber jetzt 'n bisschen mehr beziehen auf das Influencing, was wir heute in TikTok und Co. und so weiter ansprechen, da war, glaub ich, so eher die Geburtsstunde, dass über die massiv auftretenden Videos im Internet, ja, ist ja auch gar nicht so lange her. Vorher war das Internet ja auch sehr textbasiert. Dann kam plötzlich die große Erfindung YouTube. Da kamen die ersten Influencer, die so völlig aus reinem Privatinteresse, also ohne kommerziellen Hintergrund, einfach so 'n bisschen über ihr Leben, über ihre Fähigkeiten irgendwelche Tipps und Tricks reingestellt haben. Da war von Kommerzialisierung noch gar nichts zu sehen, ja.
Und das wurde dann entdeckt, ja, von denen, die gesagt haben „Hey, das können wir auch für werbliche Zwecke einspannen", ja. Solche Influencer kaufen in Anführungszeichen, buchen und mieten oder sie sogar künstlich aufbauen, ja, damit wir für bestimmte Produkte sehr, sehr glaubwürdige oder überzeugende oder beeinflussende Menschen haben, die viele andere Menschen einfach: erreichen. *Menge jubelt* Yasmin: Und das hat sich jetzt ja schon quasi so 'n bisschen aufgesplittet, ne. Also es wurde sehr groß, immer kleiner, immer kleinteiliger. Es gibt mittlerweile ja auch so Mikroinfluencer, die gar nicht wirklich viele Follower innen haben. Sie haben als Trendforscher auch gearbeitet, auch zum Thema Jugendmarketing promoviert. Ich höre jetzt raus, dass die Reichweite in unser Hirn sich seit den Anfängen vom Influencing bis heute schon verändert hat, oder? Also allein durch die Formate, ne. Also wir hatten, wie Sie gerade angesprochen haben, YouTube, Vlogs und so weiter. Das ist zwar nah dran, aber schon auch mit so einer klaren, ja, mit einer Kamera und so weiter, Kameraführung. Blogs, wie Sie auch gesagt haben, textbasiert. Und, äh, dann kam eben diese direkte Ansprache ins Handy. Ist das auch was, was, was mit unserem Gehirn macht? Also dass wir das Gefühl haben, da ist 'ne echte Bindung, da spricht jemand nur mit mir direkt durchs Telefon? Prof. Hamm: Jein, aber da ist ein anderes interessantes Phänomen, weil die Ansprachemöglichkeit und unsere Kapazität des Hirns ist immer gleich, und zwar relativ begrenzt.
Wir können ja: nicht zwei, drei Videos völlig parallel wahrnehmen, wie so ein Chamäleon mit dem rechten Auge das eine Smartphone und mit dem linken ein anderes. Das geht ja nicht. Aber w-was ja passiert ist, dass von diesen Anfängen, ja, YouTube vor 20, 30 Jahren, wo wir selektiv, selbst gesteuert, vielleicht einmal am Tag oder in der Woche mal geguckt haben: Hier, wie repariere ich ein Fahrrad oder was ziehe ich jetzt an? Und hab mir dann einen Minute langen Clip angeguckt und das war's dann und bin dann wieder in das reale Leben zurück. Das hat sich ja oder das wurde medial immer weiter ausgebreitet. Das heißt, man hat psychologisch gar nichts anderes gemacht, als unsere Beschallung, also die Dauerbeschallung, eigentlich einzuführen, indem man überhaupt auch das Smartphone genutzt hat, weil wir's ja immer dabeihaben, weg vom stationären PC zu etwas, was wir immer dabeihaben, dort auch immer etwas zugespielt bekommen.
Das ist ja interessanterweise auch die große Diskussion, ja, Kinderschutz, Jugendschutz, soziale Medien,: das Thema Beeinflussung. Und da sind wir psychologisch, muss auch ich bekennen oder, äh, oder, oder meinen Standpunkt hier ins Spiel werfen, da sind wir bis in relativ späte Jahre der, der Kindheit, ja, bis ins, ins frühe oder mittlere Jugendalter extrem empfindlich. Und später ja auch nicht anders, weil dort genau diese Mechanismen eigentlich von den großen Vermarktern genutzt werden, um uns dauerhaft immer wieder mit Videos zu versehen, die meistens ja 'ne verkäuferische oder beeinflussende Absicht haben, ne. Es geht ja auch interessanterweise nicht immer nur um Verkaufen, sondern es gibt Influencing im Sinne von politischer Meinungsbildung, Stimmungsmache, Beeinflussung. Ja, da sind wir ja über das Thema Kaufen leider sehr viel weiter mit großem gesellschaftlichen Impact. Yasmin: Das stimmt. Ähm, das heißt, diese kontinuierliche, dauerhafte Beschallung, die macht schon was mit unserem Gehirn. Würden Sie denn sagen, dass es jetzt trotzdem in der Entwicklung zu stärkeren Publikumsbindungen geht?
Oder denken Sie Oh nee, es gibt da auch eine gewisse: Sättigung jetzt bei uns, eben durch diese Dauerbeschallung. Prof. Hamm: Ja, die, die Sättigung, die gibt es erstens psychologisch. Wir haben da ja diese begrenzte Aufnahmefähigkeit und zweitens auch von der Werbevermarktung. Also die Werbevermarkter, die, die ja für ihr Geld, ja, in Richtung Influencer oder in die Medienkanäle für ihr Geld ja was sehen wollen, die kriegen dann die Kennzahlen und stellen fest: "Hey, wir geben hier viel Geld aus und es passiert nicht viel." Klar, ne, weil sich diese Aufmerksamkeit dann doch teilt auf, weiß ich nicht, pro Tag vielleicht zehn, fünfzig, hundert verschiedene kleine Spots. So, und da sagt dann jeder Werbevermarkter irgendwann mal: "Ich mach viel, aber da passiert nicht viel." Wie ist es, ja. Deswegen gibt es ja auch diese Gegentrends, Micro Influencer und so weiter, die auch wieder eine andere Glaubwürdigkeit, eine andere Bindung an die Zielgruppen erreichen als jetzt so, so ein, ein Gießkannen, äh, Prinzip, ja.
Ich, ich schütte mal meine Werbung oder meine Botschaften mit der Gießkanne über alle und jederzeit aus. Da sind so 'n bisschen, äh, glaub ich, auch so die, die rationalen Betrachtung der, der Werbebranche auch: reingekommen und haben gesagt: "Na ja, es hat alles seine Grenzen und auch die Grenzen der Zahlungsbereitschaft." Yasmin: Ja. Welche Rolle spielt denn die parasoziale Beziehung beim Konsumverhalten? Also dieses Gefühl, jemanden zu kennen, obwohl man sich nie begegnet ist. Da interessiert mich wirklich, welche Rolle spielt das und wie zahlt das dann auf unser Konsumverhalten ein? Prof. Hamm: Das ist ja die Frage, wie Influencing oder ein, ein Influencer, eine Influencerin funktioniert, ne. Das ist ja, ähm, greift eigentlich wieder auf dieses Konsummotiv des sozialen Vergleichs, ne. Stichwort diese soziale Leiter. Ich guck nach oben, ich guck nach unten. Meistens funktionieren die Influencer so, dass ich nach oben schaue, dass ich Personen entdecke oder denen folge im wahrsten Sinne oder im technischen Sinne, weil sie für mich irgendwie interessant, nachahmenswert, deren Leben erstrebenswert erscheint.
Ja, ich möcht so'n bisschen in deren Welt eintauchen. Ich möcht so'n bisschen sein so wie die,: ne. Also nicht völlig kopieren, aber so 'n paar Aspekte von denen kennen, um näher dran zu sein. Und das ist genau unsere soziale Einordnung, unser soziales Urprogramm, ne. Wir suchen eine Identität, indem wir uns einer Gruppe zugehörig fühlen, indem wir Personen wahrnehmen, die in Gruppen vermeintlich oben drüber stehen. Ja, zumindest gedacht. Vielleicht auch, also jetzt nicht so als klassische Führungskraft wie bei der Arbeit, aber so, ne, ma-, also trendsetzend und so weiter, ne. Das kennt man auch in anderen Bereichen, Sport und so weiter. Ich gucke auf zu irgendwelchen Leuten, möcht so sein wie die. Das ist so die, glaub ich, die kürzeste Zusammenfassung. Das ist der psychologische Wirkmechanismus einer, einer jeden Form eigentlich von Influencing, meistens auch von klassischer Werbung, wenn man mal ehrlich ist, ja. Yasmin: Klar, also ich, äh, fand die Rama-Werbung damals auch schön, weil die Familie so glücklich am Tisch saß und das hätt ich als Kind auch gerne gehabt.
Aber das heißt, das ist schon ein wichtiger Faktor, dass die influencende Person mir 'n bisschen ähnlich ist, aber schon auch 'n bisschen: über mich drüber hinweg. Also man sucht nach, also teilweise ja schon auch nach Abgleich, nach relatable sein, ne, also dass ich sage: „Ach guck mal, die, äh, ist ja ganz authentisch, die hat auch mal Probleme." Prof. Hamm: Ja, vielleicht muss ich vorher noch mal 'n Phänomen kurz reinwerfen, so aus, aus der Trickkiste der Werbepsychologie. Man denkt immer, auch so jetzt aus Marketingsicht häufig, äh, und das ist 'n Fehler, ähm, na ja, die Influencer müssen so ähnlich sein wie die Zielgruppe, ne, nicht zu weit weg. Es gibt aber 'n interessanten Werbeeffekt, der heißt Larger than Life. Also Menschen fühlen sich eher gestört, wenn diese Person, zu denen sie eigentlich aufschauen wollen oder sollen, zu nah dran sind, eine Welt widerspiegeln, die eigentlich realistisch ist, aber für mich dann doch nicht erreichbar, ne. Und insofern ist es manchmal sogar günstig, zu überziehen, also auch eine Welt zu inszenieren, die eben nicht mehr erreichbar ist, die aber trotzdem attraktiv und erstrebenswert ist.
Also 'n bisschen übertreiben gehört dazu und ist auch sogar ganz gut. Klingt erst mal paradox, ne.: Aber das ist 'n Befund, den gibt's in der Werbepsychologie schon ziemlich lange und ich glaube, man, man stellt das ja auch fest bei Influencern. Das heißt, diese Authentizität ist gar nicht mal so sehr eine Nähe, ja, sind so wie ich, weil ich, ich such ja jemanden, zu dem ich aufschauen kann, eine, eine andere, luxuriösere, exklusivere Lebenswelt. Das heißt, ich brauch schon so 'ne gewisse Abgehobenheit, aber die Nähe entsteht dadurch, dass ich angesprochen werde, ne. Ich habe das Gefühl, dass die Botschaft wie für mich gemacht ist und ich nicht zufällig diese Botschaft erfasse. Plus es gibt auch inhaltliche Authentizität, das heißt 'ne Authentizität durch, die durch Expertise, Fachkenntnis entsteht, ja, ein, ein Wissen, was geteilt wird, was interessant ist.
Ja, das nehm ich natürlich auch wahr. Und das ist so 'n bisschen auch der Punkt, da kommt der Influencing eigentlich her, aus 'ner fachlichen Expertise. Da geht dieses Micro Influencing wieder hin, ne. Also Influencer mit sehr wenigen Followern, aber Spezialisten in bestimmten Alltagskonsumbereichen, die genau diese inhaltliche Authentizität wieder mitbringen.:
00:33:02: Yasmin Mod: Authentizität ist kostbar, gerade in Zeiten, in denen auf gefühlt jedem Werbeplakat im Kleingedruckten der Satz steht: „ Mit Hilfe von KI erstellt." Aber wie leicht lässt sich das eigentlich inszenieren, diese Authentizität? Das und noch mehr hab ich Professor Dr. Kristina Klein gefragt. Die ist seit 2018 an der Uni Bremen Professorin für Marketing. Sie ist Direktorin des Markstones Institute of Marketing, Branding and Technology und Leiterin der Arbeitsgruppe Konsumentenverhalten. Also die ideale Gesprächspartnerin, für diese Staffel und auch schon für vorherige, denn sie war auch schon zu Gast. Hört da also gerne in die vorherigen Folgen rein. Am Anfang von unserem Gespräch hab ich Sie gefragt, wie lang Sie sich denn schon mit Influencern in Ihrer Arbeit beschäftigt. Sie sagte darauf: „Ja, seit zehn Jahren" und dass Sie bei den Studierenden eine Mündigkeit beobachtet, dass nicht mehr alle so naiv sind wie am Anfang, ne?
Die meisten sind jetzt damit aufgewachsen und wissen „Aha, da auf Social Media wird Geld verdient, das ist kommerziell." Teils wird da nachher auch explizit gefragt und ich weiß sofort, was sie damit meint, denn in Kommentarspalten lese ich mittlerweile: auch sehr oft direkte Aufforderungen an Marken und Unternehmen, dass sie diese oder diesen Creator mal für eine Kooperation anfragen sollen. Also transparenter, authentischer, partizipativer wird's ja dann nicht mehr, oder? Gehen wir doch direkt mal ins Gespräch rein.
00:34:14: Yasmin Interview: Doch noch mal so eine ganz provokante Frage: Sind wir nicht einfach mittlerweile alle Freunde?
00:34:20: Kristina Klein: Ja, ich weiß, worauf Sie anspielen. Sie spielen natürlich auf das psychologische Phänomen der parasozialen Interaktion an. Das ist ja tatsächlich auch nix Neues, ne. Also das ist ja was, was es schon seit Beginn von Medieninhalten gibt. TV-Serien, Thema TV-Shows. Auch da hat man schon dieses Phänomen beobachtet, dass man das Gefühl hat, durch das, was man in Zeitschriften liest oder, ne, also dass man da sich den Prominenten in Anführungsstrichen hat man sich auch schon nahe gefühlt. Ach guck mal, ich kann ja sehen, wer wieder da Urlaub macht.
Und, ne, das ist also was, was ja nicht durch das Influencer-Marketing entstanden ist. Diese Interaktion, dass wir denken, dass wir jemandem nahe sind, das gab es auch früher schon. Natürlich jetzt einfach: noch, sagen wir mal, ähm, stärker geworden, weil jetzt hier eben die Influencerin vermeintlich immer in den direkten Kontakt zu ihren Followerinnen und Followern treten, indem sie mit denen eben auch direkten Nachrichten gegebenenfalls austauschen. Aber natürlich jetzt auch nicht ständig, sondern selektiv, äh, indem sie die duzen, indem sie denen eben sagen: „Hier, ich nehm euch mit auf meinen Tag. Get ready with me." Total authentisch, ne. Und dass man da das Gefühl hat, ich kenn die Person, ne. Das ist 'n Freund von mir. Ja, da könnte man jetzt provokativ sagen: Ja, dann sind wir irgendwie alle Freunde, wenn man Freundschaft auf so 'nem oberflächlichen Niveau definiert. Ja.
00:35:35: Yasmin: Das stimmt. Diese parasoziale Beziehung oder diese, diese Nähe zu Schauspielerinnen und so weiter, die gibt es natürlich auch. Aber es macht dann schon einen Unterschied, sagen Sie, wenn wir jemandem auf Social Media wirklich auf Folgen gehen, als wenn wir einfach nur eine TV-Serie anmachen, oder?
00:35:49: Kristina Klein: Ja, und es kommt halt immer drauf an, wie stark ich mich auch sozusagen in diese Beziehung stürze, in Anführungsstrichen, nicht.
Es gibt ja auch Hardcore-Fans von Schauspielerinnen und die hat's auch immer schon gegeben, ne, die auch: deren quasi alles von diesen Schauspielerinnen konsumieren, die denen irgendwo hin folgen, ne. Oder sei es auch zum Beispiel, äh, Sängerinnen und Sängern, Konzerte, so die Hardcore-Fans, die da wirklich auch campen und den Leuten hinterher reisen und so weiter und so fort. Also ich glaube, es hängt auch immer ein bisschen darauf an, wie involviert ich bin. Und klar, bei Social Media ist es natürlich so, ich bin einfacher mit den, mit den Inhalten dieser Menschen konfrontiert. Ja, und ich hab das ja immer und immer wieder. Und das ist ja auch so ein bisschen dieses, was man auch schon aus der Psychologie sehr, sehr lange kennt, der Mere-Exposure-Effekt. Je mehr ich was sehe, umso besser find ich das und so weiter und so fort. Das ist so ein bisschen so ein selbst verstärkender Mechanismus.
00:36:38: Yasmin: Mhm. Das ist so ein bisschen, wie wenn im Radio quasi derselbe Song immer wieder und immer wieder gespielt wird und irgendwann hat er sich so ins Gehirn gefressen, dass man sagt: „Gut, ich mag ihn."
00:36:47: Kristina Klein: Genau, genau. So ist es.
00:36:49:
00:37:00: Kristina Klein: Na ja, also messen kann man das im Prinzip schon. Also wir in der Forschung, wir benutzen ja, äh, Skalen oder Ähnliches, um solche Dinge zu messen. Aber, äh, ja, also das geht, aber man kann, glaube ich, jetzt kein Preisschild dran machen, inwiefern das jetzt tatsächlich zu irgendnem, also wenn parasoziale Beziehungen um... Eine Einheit steigt, dann passiert das und das bei Kaufintention. Ich glaub, das kann man so nicht sagen, aber es gibt sehr, sehr viel Erkenntnisse darüber, wie insgesamt Influencer-Marketing Kaufentscheidungen beeinflusst. Also es gibt 'ne ganz neue Studie tatsächlich, jetzt, jetzt mehr so 'ne keine wissenschaftliche Studie, sondern 'ne Studie aus der Praxis, die eben zeigt, dass ja vierzig Prozent aller Konsumentinnen und Konsumenten eben über Ja, Influencerinnen und Influencer oder Creatoren, wie man sie jetzt nennt, auf Produkte tatsächlich aufmerksam werden, die man vielleicht so sonst gar nicht gesehen hätte.
Oft sind das ja auch Nischenprodukte, die es noch gar nicht so im, im Markt gibt oder ähnliche Dinge. Die hätten sie sonst: vielleicht gar nicht gesehen und werden dadurch nur darauf aufmerksam. Und dann zeigen also konstant viele Beobachtungen und Studien, dass wirklich vierzig bis fünfzig Prozent von Leuten, die man fragt, schon mal was gekauft haben, weil es ein Influencer oder eine Influencerin empfohlen hat. Ja, also das ist schon so, dass man das beobachtet. Ist die Frage, wie regelmäßig das ist, ne, aber mindestens einmal schon. Und wenn man das in der wissenschaftlichen Literatur guckt, da gibt's 'ne Meta-Analyse, also das 'ne Studie, die sozusagen Einzelstudien zusammenfasst und sich Effektgrößen anguckt. Da kann man wirklich sehen, dass Influencerinnen 'n positiven Effekt oder Einfluss haben auf Kaufabsicht, teilweise auch tatsächliches Kaufverhalten.
00:38:38: Yasmin: Vierzig Prozent finde ich wirklich 'ne wilde Zahl. Das hätte ich nicht gedacht. Ich hätte jetzt vielleicht so mit 'ner zwanzig gerechnet, grade vor dem Hintergrund, dass Deutschland ja ein halbwegs altes Land ist und vielleicht auch nicht jeder irgendwie auf Social Media rumlungert, wobei es natürlich auch schon sehr viele machen.
Wie ist denn das mit der parasozialen Beziehung, wenn Follower wissen, okay, dieser Beitrag hier ist bezahlt. Verändert das irgendwas aus Ihrer Erfahrung mit der Beziehung? Oder ist das,: wie wir grade gesagt haben, ohnehin jetzt schon so aufgeklärt und mündig, dass wir wissen, ach, die muss halt damit auch ihr Geld verdienen.
00:39:06: Kristina Klein: Ja, ich glaub, da kriegen Sie jetzt die typische Forscherantwort. Das ist sie, es kommt drauf an.
00:39:11: Yasmin: Ja.
00:39:11: Kristina Klein: Ähm, das ist ja, also ob ich sozusagen da auf diesen Kaufanreiz oder auf diesen Hinweis reagiere, hat ja, hängt ja davon ab zum Beispiel, wie lange folg ich dem? Wie vertrauenswürdig ist der? Ist das was, was der schon mal empfohlen hat? Ist das irgendwie konsistent zu dem, was er macht? Ist das sehr häufig? Ist das jetzt komplett neu? Ne, also das, da geht's ganz viel und das ist so 'n bisschen die neue Währung meines Erachtens in diesem ganzen Kontext Influencer-Marketing, Vertrauenswürdigkeit und Glaubwürdigkeit. Jetzt war's immer schon, aber es wird's immer mehr, auch grade im Kontext von, wenn jetzt viel mehr KI generierte Inhalte erstellt werden und so weiter.
Und vertrau ich dem, dass das, was der empfiehlt, ist das authentisch und glaubwürdig. Also da wird's am Ende drauf ankommen und danach wird, werden auch solche Werbeappelle bewertet, ne. Also wenn das jetzt irgendwas ist, was komplett überhaupt nicht zu dem passt,: wofür der Influencerin oder die Influencerin steht, dann wird sich auch der Follower oder die Followerin mal fragen, ne, also was ist das denn jetzt? Kriegt er da jetzt super viel Geld für und macht er das deswegen? Oder, äh, ne, was ist da los? Also insofern, dieses Thema, ist das, passt das zu dem, was er bisher gemacht hat? Ist das glaubwürdig und so weiter. Das ist das, was am Ende Ja, zählt.
00:40:22: Yasmin: Ja, das ist 'n wichtiger Aspekt, den Sie da ansprechen. Grade diese Authentizität, die eben diese Vertrauenswährung auch darstellt. Wie leicht lässt sich das denn eigentlich inszenieren, wenn ich jetzt Influencer:in bin mit Verletzlichkeit, mit Szenen aus dem Alltag und so weiter? Also es gibt ja wirklich welche, die sehr authentisch unterwegs sind. Und man sieht ja auch, okay, das tut ja vielleicht dem Kaufverhalten gar keinen so großen Abbruch. Wie leicht lässt sich eigentlich Authentizität inszenieren?
00:40:48: sagen wir mal, abprüft, ob das jetzt tatsächlich irgendwie auch zu dem passt, was hab ich bisher gemacht, ist das mein Image und so weiter. Und das ist, glaub ich, schwierig. Ja, bis zu 'nem gewissen Grad kann man das tatsächlich machen. Da haben Sie ja jetzt schon 'n paar, äh, Dinge gegeben. Also dieses wirklich scheinbar spontane Handy und ich hab heute was erlebt und sozusagen dieses, das ist nicht gescriptet, sondern es fühlt sich grade so an, als würde man mitgenommen. Dann eben auch vielleicht Fails zeigen. Zeigen, dass, ne, heute hab ich Pickel, keine Ahnung, so was, ne. Oder, äh, ich, äh, ich, ich versuche, ich suche nach Worten, solche Dinge, ne, dass man auch das Gefühl hat, okay, da hat keiner 'n Text, den er irgendwie auswendig spricht, sondern das passiert jetzt und grade. Dann eben dieses Alltagsthema, nicht nur die schönen Seiten zeigen, sehr persönliche Dinge, ne.
Heute muss ich mal was über mich erzählen, was bisher noch keiner wusste. Ja, das ist ja auch so 'n, sagen wir mal, so 'n Marketingtrick, immer dieses exklusive Einblicke oder Geheimnisse erzählen. Das ist ja was, was Aufmerksamkeit erregt, ja, und was halt eben Leute sozusagen in der Wahrnehmung dazu bringt, dass man: eben, ja, ich bin jetzt derjenige, dem das erzählt wird und den 1000 anderen, denen dann noch gefolgt wird. Aber in der Wahrnehmung ist es so, ich bin sozusagen, ja, irgendwie Komplize und Teil der Gemeinschaft und das ist was Besonderes.
00:42:18: Yasmin Mod: Ja, und genau dieses Gefühl, ne, Teil von etwas zu sein, das ist natürlich ein Bedürfnis, das zutiefst menschlich ist. Also Komplize? Ja. Aber Freunde? Nee, das sind wir nicht. Zum Glück. Und das müssen wir uns auch immer wieder in Erinnerung rufen. Beispielsweise dann, wenn unseriöse Coaches behaupten, man könnte ganz schnell so reich wie sie werden. Denn was, wenn die parasoziale Beziehung ins Extreme kippt, wenn sie toxisch wird? In diese und weitere Schattenseiten auf Social Media begeben wir uns in der nächsten Folge von Para, Sozial. Bis dahin Augen auf beim Scrollen und 'ne gute Zeit. Bis dann!
00:43:00: Folge dem Podcast, um nichts zu verpassen und gib eine Bewertung ab. Darüber freuen wir uns sehr. Und auch sonst sind wir natürlich offen für Themenwünsche und Gedanken, entweder per Kommentar unter die Podcast-Folge oder auf allen anderen Kanälen. Para, Sozial ist eine Produktion von Yasmin Polat im Auftrag der Verbraucherzentrale Berlin. "dürfen die das?" ist ein Podcast der Verbraucherzentrale Berlin, gefördert durch das Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages.
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